Als säße man in einer Verdi-Oper

Christian Bischof dirigierte die 1811 komponierte Einsiedeln-Messe von Simon Mayr 

Als säße man in einer Verdi-Oper

Ingolstadt (DK) Da stellt es heutigen Müttern die Haare auf: Als Sechsjähriger kam der kleine Johann Simon Mayr 1769 in die Elementarschule nach Kloster Weltenburg – das war im 18. Jahrhundert eine Tagesreise von seinem Elternhaus in Mendorf entfernt.

 

Er blieb dort bis 1773, sah seine Heimat wahrscheinlich nur ein bis zweimal im Jahr und wurde nachhaltig geprägt. Grausam war das aus damaliger Sicht vermutlich nicht – im Gegenteil, wahrscheinlich wollte das Ehepaar Mayr das Beste für den kleinen Simon.

 

Einen ganzen Tag Anreise brauchte die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft freilich nicht. In einer Stunde war Mayrs Ingolstädter Fanclub, der bis zu drei Reisen jährlich an verschiedene Mayr-Spielorte unternimmt, von Ingolstadt in Weltenburg. Dort wurde am Sonntagnachmittag, einen Tag vor Mayrs 168. Todestag, das Magnificat in D-Dur und, als Höhepunkt, seine Einsiedeln-Messe in der Klosterkirche der Benediktinerabtei aufgeführt. Sehr passend, denn Mayr komponierte diese Messe 1826 als Auftragsarbeit für das Benediktinerkloster Maria Einsiedeln in der Schweiz. Musikalischer Gesamtleiter des Projekts war der junge Dirigent und Kirchenmusiker Christian Bischof, Mitglied der Simon-Mayr-Gesellschaft sowie Organist und Chordirektor an der Stadtpfarrkirche St. Margaret in München. Er beschäftigt sich intensiv mit Johann Simon Mayr und reiste am Sonntag mit der von ihm gegründeten Capella Simone Mayr, dem Consortium Musicum und dem Chor der Stadtkirche St. Margaret nach Weltenburg, nachdem dieses Ensemble schon am Vormittag in München ein Konzert gegeben hatte.

Trotzdem sah man bei allen Mitwirkenden keine Spur von Müdigkeit oder nachlassendem Elan. Christian Bischof dirigierte mit Herzblut. Seine Chorsänger sangen hoch konzentriert, mit Leibeskräften, reiner Intonation und Artikulation. Das Orchester bestand aus wunderbar miteinander agierenden, aber durchaus individuellen Instrumentalisten. Als vorzügliche Solisten agierten Sopranistin Maria Pitsch, Mezzosopranistin Theresa Holzhauser, die die Altpartie sang, Tenor Christian Bauer und Bariton Tobias Neumann. Sie alle machten das Stück noch ungewöhnlicher, als es ohnehin schon ist. Denn die Einsiedeln-Messe ist, so scheint es, nicht nur eine Messe. Jeder Satz (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei) gestaltete sich wie ein einzelnes Konzert. Und diese Konzerte reichten durch verschiedene Gattungen – von Kammermusik bis Oper. Von romantischem Lied bis Instrumentalkonzert. Da war zum Beispiel das Credo: Es begann im „Allegro moderato“ mit einem Jagdsignal und wurde dann im „Et incarnatus est“ zu einem Streichquartett mit einer sehr führenden, sehr virtuosen ersten Geige. Ein paar Sätze später hatte man das Gefühl, man säße in einer Verdi-Oper und die Vorläufer vom Triumphmarsch aus „Aida“ würden aufgeführt. Und am Ende des „Agnus Dei“ erklang auf einmal eines der Klarinettenkonzerte von Carl Maria von Weber – es hörte sich zumindest so an.

 

Ebenfalls spannend: Der Dialog von Flöte und Fagott, gespickt mit Streicherpizzicati und später, im weiterführenden Duett von Tenor und Sopran, geprägt von punktierten Achteln, die dem Ganzen einen marschierenden Charakter gaben. Das sind nur wenige Beispiele. Die kompositorischen Raffinessen zogen sich durch die kompletten 45 Minuten dieses grandiosen Werks. 

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