Ein Festival der Töne, Klänge, Sinne

Scheyern (PK) Erstklassige Solisten, ein harmonisch musizierendes Orchester und eine geschmackvolle Musikauswahl: Einen krönenden Abschluss hat die diesjährige Reihe der Sommerkonzerte im Kloster Scheyern mit einem Open-Air-Konzert im festlich illuminierten Hof vor rund 800 Zuschauern gefunden. 

 Es war ein Konzert der Superlative – und dies nicht nur in musikalischer Hinsicht: Obwohl der Abend der bisher heißeste des Sommers war, machten sich mehr Besucher als je zuvor auf den Weg zum Open Air, bewaffnet mit Klappstühlen, Decken, Badematten, Picknickkörben und anderen Dingen für einen entspannten Konzertabend aus teilweise ungewöhnlichen Perspektiven. Denn in welchem Konzertsaal kann man klassische Musik im Liegen genießen? So glich der Klosterhof teilweise dem Pfaffenhofener Freibad an einem schönen Sommertag. Leider mussten etliche Besucher am Eingang des Klosters abgewiesen werden, da die Bestuhlung und nutzbare Grünflächen bald weitestgehend belegt waren. Das spricht für die hohe Akzeptanz dieser Veranstaltungsreihe, im Vorjahr zählte man noch rund 300 Zuhörer weniger.

Mit dem Allegro aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ erklang quasi ein Aperitif zu einem Festtagsmenü, das die musikalischen Gourmets unter den Zuhörern voll zufriedenstellte. Mit der Sopranarie „Ruhe sanft, mein holdes Leben“ setzte Judith Spiesser schon mal stimmliche Glanzlichter als Sklavin Zaïde, ein ernstes Singspiel, das Mozart nie vollendete. Zwei Jahre später aber griff er den Stoff unter eher heiteren Vorzeichen erneut auf und feierte mit der „Entführung aus dem Serail“ große Erfolge.
Das trifft auch auf sein Konzert in A-Dur für Klarinette und Orchester KV 622 zu. Das komponierte er in seinem Todesjahr 1791 und ist eines seiner letzten, vollendeten Werke überhaupt. Hier konnte Klarinettist Markus Krusche aus dem Vollen schöpfen: ob beim beschwingten Allegro, dem getragenen Adagio, das oft in der Filmmusik Verwendung findet, oder beim tänzerischen, virtuosen Rondo im 6/8 Takt. Mozart hatte den ganzen Tonumfang einer Klarinette berücksichtigt, die Klangvielfalt aber interpretiert der Musiker, und das tat Krusche hervorragend: von gehauchten Tönen bis zum Fortissimo, mit gefühlvollem Ansatz und virtuoser Fingerfertigkeit an den Klappen. Das ganze Werk auswendig und perfekt gespielt, vom ersten bis zum letzten Ton. Sonderbeifall und Bravo-Rufe belohnten einen Solisten erster Güte, unterstützt von einem Orchester aus präzisen Streichern und einem „Gebläse“ aus Holz- und Blechbläsern, exakt im Timing und mit gefühlvollem Zusammenspiel. Dazu passte bestens Christian Bischof am Dirigentenstab, der Ensemble und Solisten zu einem harmonischen Ganzen vereinte, mit Verve dirigierte und keine Tempi verschleppte.
So wechselten sich instrumentale Vorträge mit Werken von Felix Mendelssohn („Italienische Symphonie“) und Pietro Mascagni (Intermezzo aus „Cavalleria Rusticana“) ab mit der Arie der Norina aus Gaetano Donizettis Oper „Don Pasquale“ oder der Violetta aus Giuseppe Verdies „La Traviata“. Paraderollen für eine Koloratur-Sopranistin wie Judith Spiesser, die stimmlich und mit gekonnter Gestik überzeugte. Letzteres insbesondere als durchtriebene Norina, die besingt, wie man einen Mann für sich einnimmt. Viele „Aaahs“ und „Ooohs“ nach der Pause, als sie in einem silbernen Ballkleid ins Licht der Scheinwerfer unter dem Bühnenbaldachin trat. Die aber erntete sie auch für ihren Gesang, der selbst in den höchsten Lagen präzise jeden Ton trifft, brillant, sicher und transparent.
So beflügelte man sich gegenseitig: Solisten und Orchester in stetem Wechsel, mit Werken, die in der Musikliteratur nicht umsonst zur ersten Gütekategorie zählen. Da passte alles zusammen, auch die an südliche Gefilde erinnernde Abendstimmung, die durch Ludwig Hackers Lichtinstallation und brennende Fackeln noch verstärkt wurde. Das betonte auch Cellerar Pater Lukas vor Konzertbeginn, denn der Sommer habe pünktlich mit dem Beginn der Sommerkonzerte begonnen und sei, wie die Konzertserie auch, an seinem Höhepunkt angelangt. Das bestätigte das gesamte Publikum mit einem schier endlosen Applaus, der Judith Spiesser nebst Orchester mit der Arie „O mio babbino caro“ (o mein geliebter Vater) aus Puccinis Oper „Gianni Schicchi“ zu einer Zugabe veranlasste. Als weiteres Bonbon folgte noch einmal Mozarts Allegro vom Konzertbeginn, das somit vom Aperitif zum geschmackvollen Digestif mutierte.

 

Von Hans Steininiger (Pfaffenhofener Kurier)

 

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