Expedition in die Musikgeschichte

[...] Christian Bischof, erfahren in alter Musik wie in der Romantik, bot beste Voraussetzung für zeitlos gültige Umsetzung eines Stils, wie sie hier praktiziert wurde. Er ließ an der Orgel die Freude dieser Zeit am Experimentieren mit Motiven, mit Verzierungen, durchscheinen, und dies enthob sein Spiel dem Historismus mancher Weggenossen. [...]


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Angekündigt wurde in St. Johannes von Mauerkirchen eine ungewöhnliche Expedition in die Musikgeschichte vom Mittelalter bis zur Zeit des Hochbarock, und selten zuvor hatte man solchen Ausflug in die Historie so lebendig erlebt wie mit diesen zwei Musikern, die vierfach in Mauerkirchens Kleinod wirkten: An der Orgel, am Cembalo, an der Geige und in der Kunst des Gesanges. Und so sei diese Exkursion dem Zuhörer vorgestellt: Die Musikwelt entdeckt die Vielfalt der Töne (eine Tabulatur aus dem Jahr 1448), umspielt die Quint als tragendes Intervall und wagt darüber hinausgehende Ausflüge (Robertbridge Codex, 1360), versucht sich in der Ausgestaltung alter Kirchenhymnen - das Metier der Choralbearbeitung wird geboren (Buxheimer Orgelbuch, 15.Jahrhundert).

Schließlich Frescobaldis «Fiori Musicali» aus dem Jahr 1635, Studienobjekt Johann Sebastian Bachs 100 Jahre später: Die Orgel modelliert vier Stimmen um ein Motiv, die fünfte Stimme soll laut Anweisung frei dazu gesungen werden. Gleichzeitig erkennt in England ein John Dowland die Fähigkeit, sein tiefinneres Gemüt in Töne zu fassen, wie auch zwei Generationen später Henry Purcell in abgewandelter Manier, während Pablo Bruna in Spanien mit einfachsten Tongebilden in aufregender Virtuosität die Macht der Orgel vorführt.

Ja, und bei den Deutschen Johann Caspar Kerll und Georg Muffat spiegelt sich romanische Spielfreude - man bewegt sich in der Kunst längst «global» - und da glaubt man wiederum den italienischen Altmeister des Tastenspiels, Frescobaldi, durchzuhören.

17. Jahrhundert: In der «Follia» von Arcangelo Corelli praktiziert der Italiener das Prinzip der Wiederholung ad ultimo - aber es stellt sich heraus: In dieser Hochbarockphase ist die Stilvielfalt zu Ende. In Selbstgenügsamkeit bewegt man sich im nunmehr Gewohnten; andererseits schwelgt ein Georg Friedrich Händel in Schönheit der Melodie - die Arie der «Semele» als Beispiel.

Auch Bach gehört zu diesen Vertretern der Reife, ja der Überreife. Aber Zeitlosigkeit, nicht Stillstand ist sein Kennzeichen, wenn er die Vorzeit zusammenfasst und Wegweisung für die Zukunft vorzeichnet. Eine neue Phase der Entdeckung beginnt.

Diese Entdeckungstour war aufregend und niemals lehrhaft akademisch. Christian Bischof, erfahren in alter Musik wie in der Romantik, bot beste Voraussetzung für zeitlos gültige Umsetzung eines Stils, wie sie hier praktiziert wurde. Er ließ an der Orgel die Freude dieser Zeit am Experimentieren mit Motiven, mit Verzierungen, durchscheinen, und dies enthob sein Spiel dem Historismus mancher Weggenossen.

Ebenso frei von Manierismus, ohne gewollt erzeugte Nostalgie, klang auch Anna Nesybas Spiel auf der Barockvioline, und auf der Basis eines sanft-rauen Anstrichs der Saiten geriet auch Virtuoses satt und kräftig. Auch als Sängerin erfasste sie diese Musik in all ihrer Stilvielfalt. Ein über einen weiten Bereich sich erstreckendes weiches Alt-Timbre durchzieht ihre Stimme bis in die Höhe. Unendlich schön blieb die kurze Tonfolge A-C-C-H-E-A aus Frescobaldis «Ricercar» im Ohr, wie auch hohe Passagen berückender Innigkeit in Händels Arie aus der Oper «Semele».

Bachs G-Dur-Violinsonate bildete den krönenden Schluss, und von der Empore herab sollte als Zugabe auch Mozart noch in den Kreis dieser Historie einbezogen werden. So blieb nur noch der grandiose Bergblick vom Hügel des Kirchleins als beschaulicher Endpunkt der Veranstaltung...

 

von Robert Engl

OVB Rosenheim | Konzert im Rahmen der Orgelwochen Bad Endorf

 

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